Ebay Kleinanzeigen – das Trainingslager

24. Juli 2020

von Jörn Weiss

Ebay Kleinanzeigen – das Trainingslager

24. Juli 2020

von Jörn Weiss

Haben Sie schon mal was auf Ebay Kleinanzeigen gekauft? Oder verkauft? Wenn nicht: Gönnen Sie sich diese Erfahrung, denn Sie lernen dort mehr fürs Marketing als in Vorlesungen und Fachbüchern. Und zwar im Selbstversuch mit echten Menschen!

Gehören Sie auch zu denen, die während des Corona-Lockdowns Keller und Garage auf Vordermann gebracht haben? Ich jedenfalls habe es und ich stand schnell vor einer Sammlung von Objekten, die ich nicht wegwerfen konnte: Aus ökologischen und ethischen Gründen. Denn Vieles war nicht kaputt, nicht schlecht, nicht hässlich. Ich benötigte es nur nicht mehr. Andere vielleicht schon. Also habe ich es bei Ebay Kleinanzeigen verkauft. Und dort auch gleich das eine oder andere selbst gekauft. Zum Beispiel zwei gebrauchte Wandhalterungen für Gartengeräte. Hat Spaß gemacht. Jedenfalls war es ein Learning, das sich durchaus aufs Profi- (Social Media) Marketing übertragen lässt. Hier meine wichtigsten Erkenntnisse:

Erfahrung 1: Alles passt irgendwo


Auf Ebay Kleinanzeigen findet man alles und in unterschiedlichen Zuständen: Stark gebraucht, leicht gebraucht, nahezu neuwertig oder originalverpackt. Ein nationales, dezentrales Warenhaus von unfassbarer Größe. Man lernt hier schnell: Es geht nicht immer nur um Innovation und Rabatt, sondern um die granulare Zusammenführung von einzelnen Käufern, Anbietern und ganz wichtig: Mentalitäten.

Learning für die Profis: Es gibt für ALLES Interessenten – man muss sie nur finden. Und überzeugen.

Erfahrung 2: Unendlich wertvoll: Direkter Dialog


Auf Ebay Kleinanzeigen wird nicht anonym geboten und der Meistbietende erhält den Zuschlag (vgl. EBAY), sondern es begegnen sich Menschen: „Hallo Max, sind die Terrakottatöpfe noch zu haben? Ich würde sie sehr gerne für meinen Balkon kaufen!“. „Hi Jessica, ja, klar, stehen hier und warten auf dich ;-) wann möchtest du sie abholen?“

Learning für die Profis: Hier entscheidet nicht nur der Preis über den Zuschlag, sondern die Qualität des Dialogs, denn manche Produkte sind durchaus begehrt. Ich selbst habe jedenfalls an zwei sehr charmante junge Frauen deutlich unter Preis verkauft …

Erfahrung 3: Genau zwei Menschentypen


Menschentyp Nr. 1 – und nach meiner Erfahrung die Mehrheit – sind die Netten. Die Sprache ist freundlich. Sie fragen gelegentlich, auch bei Festpreis, ob man sich auf € 150,- einigen kann (VK 175,-) und bringen ihre Freude zum Ausdruck, wenn man verkauft. Und es macht Freude mit Ihnen zu schreiben, auch wenn sie dann doch nicht kaufen.

Menschentyp Nr. 2 – Arschlöcher. Keine Anrede, kein Hallo, kein Danke. Hier ist Haltung gefragt und ein Abbruch der Kommunikation, denn meine schöne alte Kamera bekommen nur die Netten. Da aber Ebay Kleinanzeigen die Antwortquote misst, ist das Ignorieren von Arschlöchern nachteilig. Deshalb besser ein „Sorry, schon verkauft“ und die Anzeige weiter stehen lassen ...

Learning für die Profis: Arschlöcher gibt es überall. Keine Angst vor Haltung!

Erfahrung 4: Ehrliche Bilder geben den Ausschlag


Ein ehrliches und somit gutes Bild ist ein Bild, das erkennen lässt, dass ein Anbieter sich bemüht hat – für seinen künftigen Kunden. Also immanente Wertschätzung. Die Produkte sind staubfrei, hübsch zurecht gemacht, das Umfeld aufgeräumt.

Learning für die Profis: Wenn fünf Anbieter das Gleiche verkaufen, worauf beißt der Fisch? Vielleicht auf ein Foto mit besonderem Ambiente und nicht das Herstellerfoto, das alle Anbieter nutzen.

Erfahrung 5: Ehrliche Texte – eine Wunderwaffe


„Das Fahrrad wurde wenig gebraucht und steht gut da, aber es hat altersbedingt ein paar Kratzer. Allerdings keine Großen und nur an Stellen, an denen man es kaum sieht. Am besten anschauen“. Damit kann man doch leben! Weil niemand ein gebrauchtes kratzerfreies Fahrrad erwartet!

Learning für die Profis: ehrlich sein. Man kann einen Nachteil durchaus erwähnen, wenn andere Vorteile doppelt aufwiegen. Übrigens: So verhindert man negative Rezensionen!

Erfahrung 6: Reaktionszeit – Eile UND Weile


Durch Chatbots und Automation sind wir kurze Responsezeiten gewöhnt – und übertragen sie auf den Umgang mit Menschen: Der Support antwortet erst nach 24 Stunden? Gott ist der Service schlecht!
Wo Antworten Zeit brauchen (aufgrund von Klärungen) hilft immer eine kurze Reaktion, denn bei Ebay Kleinanzeigen wird auch die durchschnittliche Reaktionszeit ermittelt und angezeigt (wichtiger KPI für die Verkäuferqualität). Zum Beispiel so: „Hallo Waltraud, ich weiß leider nicht auswendig, wie viele Gänge das Fahrrad hat (bin bei der Arbeit), aber ich schaue gleich heute Abend nach!“ Ich wette auf folgende Antwort: Hallo Wolfgang, herzlichen Dank für die schnelle Antwort, bis heute Abend!“

Learning für die Profis: ALLES!

Jörn Weiss

 

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