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WeChat – eine App, ein Leben

8. Mai 2019

von Jörn Weiss und Sarah Müller

WeChat – eine App, ein Leben

8. Mai 2019

von Jörn Weiss und Sarah Müller










WeChat – die App für alles. In China ist sie das Zentrum des Lebens – bei uns hingegen kaum bekannt. Doch was steckt hinter der App, deren Icon dem des amerikanischen Messengers ähnelt? Nur ein billiger „Abklatsch “ oder die Zukunft der Messenger-Dienste?

Eins steht fest: uns stehen eine Vielfalt an Apps zur Verfügung – ganz gleich ob zum Verfassen von Nachrichten, zum Teilen bestimmter Ausschnitte unseres Lebens oder um Essen zu bestellen – in dieser Hinsicht sind wir Vielfalt gewöhnt. In China sieht es anders aus: YouTube, Facebook und Instagram – Fehlanzeige! Über zehntausend Seiten sind gesperrt. Die Kommunikation nach außen erfolgt nur über Umwege. Doch innerhalb der Volksrepublik sieht es anders aus, denn dort wird über WeChat kommuniziert.

Die im Jahr 2011 veröffentlichte App hat innerhalb kürzester Zeit einen Börsenwert von 540 Milliarden Dollar erreicht. Netflix, mit seinen 350 Milliarden Dollar, kann da nur ehrfürchtig aufblicken. Zudem hat sie eine enorme Reichweite: knapp eine Milliarden Menschen haben den Dienst installiert – das ist nahezu jeder Einwohner Chinas! Nicht umsonst wird sie auch die „Killer App“ genannt.

Alles in einer App


WeChat bündelt alle Funktionen. Funktionen, die wir kennen und Funktionen, die wir uns nicht einmal vorstellen können: durch das Schütteln des Smartphones neue Leute kennenlernen, per Didi Dache ein Taxi ordern, via einer ähnlichen Anwendung wie DropBox, das in China gesperrt ist, Dokumente vom Smartphone auf den Laptop ziehen, den Standort des „Gesprächspartners“ nachverfolgen und per Newsfeed über eigene Kontakte sowie die persönlichen Lieblings-Sternchen auf dem Laufenden bleiben. Insgesamt 580.000 Mini-Programme von Drittanbietern sind in der App integriert – und ach ja, die simple Chatfunktion ist auch eine davon. Die bedeutendste Funktion ist aber wohl WeChat Pay. Denn Bargeld wird in China inzwischen so gut es geht vermieden.

Bereits kleine Beträge werden über Bezahl-Apps beglichen – sogar Bettler setzen auf digitale Bezahlwege. Dafür einfach den QR-Code scannen, Betrag und Passwort eingeben, fertig. Kein ewiges Gesuche nach dem kleinen Portemonnaie in der verhältnismäßig großen Tasche. Einfach das Smartphone zücken, WeChat öffnen und let’s go. Auf diese Weise werden in China alltägliche Bezahlungen und Rechnungen beglichen – auch Löhne und Gehälter.

Doch neben der privaten Kommunikation wird die App auch als lukrative Werbeplattform für Unternehmen eingesetzt: Sie können auf WeChat ihre Produkte verkaufen und Kunden durch gezieltes Marketing in die Geschäfte locken. Auf diese Weise bedarf es keiner Entwicklung einer eigenen App – man holt den Kunden einfach dort ab, wo er sich sowieso schon die ganze Zeit aufhält. Weshalb also weitere Medien bespielen?

Der Teufel liegt in den Daten


So weit so gut. Informiert man sich jedoch genauer, wird man früher oder später auf ein sehr umstrittenes Thema aufmerksam: Datenschutz. In einem Transparenz-Rating von Amnesty International erhielt Tencent, der WeChat-Hersteller, von hundert möglichen Punkten keinen einzigen. Zum Vergleich: Facebook erreichte einen Stand von 73 Punkten. Der Grund: die Regierung hat vollen Zugriff auf die Daten. Zwar kennt auch Facebook und Google unsere gesamte Biographie, jedoch nutzen sie diese hauptsächlich für kommerzielle Zwecke, anders als in China: WeChat sammelt die Daten und gibt sie an die chinesische Regierung weiter.

Diese verwendet sie zur Kontrolle und Überwachung. 2020 soll sogar ein flächendeckendes, nationales Bewertungssystem eingeführt werden, das bei Bewerbungen oder der Wohnungssuche unterstützen wird. Das Ministerium für öffentliche Sicherheit soll sogar die amtlichen Ausweisdokumente durch WeChat ersetzt haben – von nun an kann man den Personalausweis zu Hause lassen. Doch als wäre das nicht schon genug, zensiert die Regierung auch innerhalb von WeChat: bestimmte Keywords werden gescannt und entsprechende Nachrichten dementsprechend geblockt. Der Weg zur digitalen Hightech-Weltherrschaft?

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: WeChat ist also keinesfalls nur ein Abklatsch von WhatsApp. WeChat ist ein Service – maßgeschneidert auf die mobile Generation. Eine umfangreiche App mit einem interessanten Kerngedanken: Zentralisation. Zahlreiche Funktionen in einer App gebündelt – damit lässt sie WhatsApp mit seinen Standardfunktionen nahezu alt aussehen. Allerdings haben die starken Nutzerzahlen einen faden Beigeschmack, bedenkt man, dass ein autoritäres Regime stets über die Schulter schaut und gegebenenfalls auch Wörter zensiert oder sogar Nachrichten zurückhält. Zentralisation bedeutet in diesem Fall deshalb zugleich Machtkonzentration. WeChat verfügt über nahezu alle Daten. Während bei uns Daten auf unterschiedliche Anbieter verteilt werden, liegen in China alle Daten bei einer einzigen Institution – Staatsführung inklusive. WeChat ist also mehr als eine App: auch ein Instrument der Regierung!

 

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